Beim „GivEUvoice“ – Campus in Detmold stellen Jugendliche aus 8 europäischen Ländern ihre Fragen an die Politik
Hier Auszüge aus dem Bericht von Friedrich Wilhelm Rödding für die Stadt Detmold
Detmold. „Unter dem Motto „GiveEUvoice“ war die Stadt Detmold sechs Tage Gastgeberin des European Youth Campus. 32 Teenager aus 8 Nationen erarbeiteten selbstorganisiert in der Detmolder Jugendherberge Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung, um das Leben für Jugendliche in den Städten und Regionen Europas zu verbessern.
Höhepunkt und zugleich vorläufiger Abschluss war die Paneldiskussion am Sonntagvormittag, zu der neben Teilnehmern auch Vertreter aus der kommunalen Verwaltung auf das Podium geladen wurden. Die Stadt Detmold war vertreten durch Kämmerin Dr. Miriam Mikus, vom Landesverband Lippe kam Arne Brand, außerdem war Dr. Thorsten Hasche aus der Duisburger Stadtverwaltung geladen, der die Perspektive einer Metropolregion in das Gespräch einbrachte.
Aus dem Kreis der Jugendlichen hatten sich Paweł Perfikowski aus Polen sowie die beiden Detmolderinnen Amelie Vogelsang und Mirijam Niewald zur Diskussion bereitgefunden. Moderiert wurde die Runde von Victoria Irhabor und Lucia Goniwiecha, die sich an den in den vergangenen Tagen gemeinsam erarbeiteten Themen und Fragestellungen orientierten. Obwohl die Veranstaltung öffentlich war, fanden nur wenige Interessierte den Weg in den großen Sitzungssaal des Rathauses, die meisten Plätze waren von den jugendlichen Teilnehmern des Youth Campus belegt. Das mag auch am ungewöhnlichen Termin am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr gelegen haben, der aufgrund der Abreise einiger Teilnehmer allerdings kaum anders möglich war.
Zu Beginn hoben die Verwaltungsvertreter den hohen Stellenwert der Jugendförderung in ihren Tätigkeitsbereichen hervor. Die Beziehung der europäischen zur kommunalen Ebene sei häufig sehr abstrakt und bedürfe sicher meistens einer Konkretisierung vor Ort. Dies zeigte sich auch im Laufe der Diskussion: Es war weniger der große europäische Wurf, der die Jugendlichen bewegte, im Fokus standen offenbar vielmehr sehr handfeste lokale und regionale Interessen. Ganz oben auf der Agenda: der öffentliche Nahverkehr.
Jugendliche haben weder Auto noch Führerschein, sind also auf andere Transportmittel angewiesen, um Freunde zu besuchen oder sich zu verabreden. Im Ballungsraum Rhein-Ruhr ist das sicher weniger ein Problem als im eher ländlichen Lippe, aber es zeigte sich, dass dieses Thema auch bei Jugendlichen in anderen europäischen Ländern ganz groß geschrieben wird. Die mangelnde Verfügbarkeit in den Abendstunden sei ein großes Problem. Ansätze wie das Anruf-Sammel-Taxi (AST), auf die Dr. Mikus hinwies, kämen den Bedürfnissen nur teilweise entgegen, da einerseits in zu loser Frequenz und andererseits vergleichsweise teuer.
Amelie Vogelsang wies außerdem auf das Unbehagen hin, das sie angesichts der zumeist männlichen AST-Fahrer, mit denen man ja üblicherweise allein im Auto unterwegs sei, befiele. Paweł Perfikowski berichtete daraufhin von der Möglichkeit des privaten Vermittlungsdienstes Uber, über den man mit der Option „Women for Women“ weibliche Fahrer für weibliche Fahrgäste buchen könne – vielleicht ein Ansatz, der sich auch im AST-Betrieb umsetzen ließe?
Es sei notwendig, Jugendliche in Entscheidungen einzubinden, die Jugendliche betreffen, darauf wies unter anderem Arne Brand hin. Oftmals würden Angebote für Jugendliche an der Zielgruppe vorbei entwickelt. Zu bestimmten Fragestellungen müssten Jugendliche auch ein Stimmrecht bekommen. Dr. Mikus wies auf zahlreiche, auch sehr niederschwellige Angebote der Stadt Detmold hin; hier zeigte sich, dass es offensichtlich auch Informationsdefizite seitens der Jugendlichen gibt. Arne Brand bemerkte daraufhin, dass es nicht ausreichend sei, ein Plakat in die Schulen zu hängen; man müsse die Jugendlichen aktiv aufsuchen, heutzutage sicher nicht zuletzt über Social Media.
In Polen sei psychische Gesundheit ein großes Thema unter Jugendlichen. In seiner Region, so Paweł Perfikowski, sei die Selbstmordrate unter Jugendlichen besonders hoch, der Zugang zu psychologischer und psychiatrischer Betreuung außerhalb der Ballungsräume extrem schwierig. Allgemein wurden hier auch Spätfolgen der Covid-bedingten Isolationen konstatiert. Viele Jugendliche seien in einer sensiblen Entwicklungsphase im Lockdown gewesen und hätten verlernt, sich im echten Leben außerhalb von Social Media zu verabreden. Ein geeignetes Café oder eine Bar könnte hier helfen, zumindest in Detmold fehle so etwas definitiv. Dass allerdings ein Publikum über 30 schon als Hinderungsgrund angesehen wird, überraschte dann doch etwas.
Fazit der Veranstaltung: Es ist mehr die konkrete Situation vor Ort, die Jugendliche beschäftigt. Die Themen sind in den verschiedenen europäischen Ländern ähnlich, auch wenn die Probleme unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Jugendliche möchten mitreden; hier sind Politik und Verwaltung gefordert, diese stärker zu beteiligen.
