Europa als Konsequenz aus der Geschichte

Was haben die Beschäftigung mit der (deutschen) Vergangenheit und die Zukunft Europas miteinander zu tun?

Eine Frage, die ein Projekt einer 10. Klasse der Sekundarschule Nordlippe aufwirft.

Die Schüler*innen haben sich gefragt, wie konnte die Ausgrenzung einzelner Bevölkerungsgruppen zum Alltag in Deutschland werden, so dass brutale Gewalt und Vernichtung möglich wurden.

Die Schüler*innen haben auf die Anfänge geguckt. Sie haben im Experiment in der Kirche in Silixen zu “80 Jahre Pogromnacht” die willkürliche Trennung der Besucher*innen nach äußeren Merkmalen angeordnet (Geschlecht, Haarfarbe u.ä.). Sie haben dann in kurzen pantomimischen Szenen gezeigt, wie Menschen ausgegrenzt werden, wie viele andere wegschauen und Gewalt zur Normalität wird. Sie haben schließlich aufgedeckt, welche Grundrechte immer gewahrt werden müssen und wie jede*r persönlich sich dafür einsetzen muss.

Das sind die Grundideen für ein vereintes Europa. Das vereinte Europa gilt vielen als Lehre aus der unmenschlichen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts.

Doch lassen wir uns das Projekt noch einmal genauer vorstellen.

Gedenkfeier zur Pogromnacht

Bericht der Klasse 10

Am 09. November 2018 durften wir als Klasse 10a die Gedenkfeier zur Reichspogromnacht im Extertal mitgestalten. Die Veranstaltung fand in der Kirche in Silixen statt. Das Thema Nationalsozialismus haben wir im Gesellschaftslehre Unterricht behandelt und daraus unsere Ideen für die Veranstaltung entwickelt. Mit Unterstützung des Mehrgenerationenhauses Silixen konnten wir Interviews mit Zeitzeugen führen. Uns wurde dabei klar, dass nur noch wenige Menschen leben, die vor 80 Jahren die Pogromnacht, den Nationalsozialismus direkt erlebt haben. Im Archiv der Gemeinde Extertal haben wir bei Herrn Heise Fotos ausgeliehen, die wir in der Kirche ausgestellt haben. Die Fotos zeigen jüdische Mitbürger, die im Extertal gelebt haben.

Vor der Veranstaltung haben wir in der Kirche alle Bänke mit gelben Schildern gekennzeichnet. Jede Bank war immer für eine bestimmte Gruppe verboten. Am Eingang standen Türsteher für die Eingangskontrollen. Es gingen Ordner durch die Reihen, die darauf achteten, dass sich niemand in eine Reihe setzte, die für sie oder ihn verboten war. Manche Zuschauer weigerten sich zuerst und wollten sich nicht vorschreiben lassen, wo sie zu sitzen haben. Einmal wurden wir sogar als „Nazi“ bezeichnet.

Die Veranstaltung wurde mit Musik eröffnet. Nach der Begrüßung und einer Ansprache waren wir wieder dran. In kleinen Gruppen führten wir mehrere kurze Alltagsszenen als Schauspiel ohne Worte auf. Unsere Szenen hießen: „Verbotene Liebe“, „Wegschauen“, „ Öffentliche Ausgrenzung“, „In der Schule“, „Vorrechte“ und „Durchkommen“. Danach verlasen wir zwei selbst verfasste Briefe, einen Geburtstagsbrief an Anne Frank und einen Entschuldigungsbrief an die Juden der NS-Zeit.

Zum Abschluss stand unsere ganze Klasse auf den Stufen im Altarraum und die Zuschauer lasen und die guten Wünsche vor, die wir auf die Rückseiten der Verbotsschilder geschrieben hatten. Das war ein ganz besonderer Moment für uns alle. Wir haben uns gefreut, dass die Zuschauer dann doch noch so gut mitgemacht und uns einige gelobt haben. Am Ende hatten dann alle verstanden, warum sie am Anfang von uns rumkommandiert worden waren.

Wir haben uns gerne an der Gedenkfeier beteiligt, weil wir unsere Einstellung mitteilen wollten und uns auf diese Art dafür einsetzen wollten, dass die Menschen sensibel bleiben und sich so etwas nicht wiederholt. Für uns war es auf eine gewisse Weise auch schockierend, weil wir so tief in die Vergangenheit eingetaucht sind.